Fips will Osterhase werden
© Martina Decker
„Wenn ich einmal groß bin, werde ich Osterhase!“, meinte Fips überzeugt und hoppelte munter neben seiner Mama her.
„Und wenn du nicht aufpasst, endest du als Hasenbraten!“, erwiderte sie erschrocken und riss ihn an den langen Ohren zurück. Im gleichen Augenblick fuhr ein großer Wagen an ihnen vorbei. Fips sah ihm verblüfft nach. Sein Herz raste, der Schreck saß ihm gehörig in den Gliedern. „Den hab ich ja gar nicht …“
„Das kommt von deiner ständigen Träumerei!“, schimpfte Mama Hase. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du aufmerksam sein sollst?“ Sie sah ihn streng an.
„Tschuldigung“, murmelte Fips und senkte reumütig den Kopf.
Mama Hase lächelte nachsichtig. Liebevoll strich sie ihm über die großen Ohren. „So, weiter jetzt – Meister Lampe wartet auf uns. Und wir wollen doch nicht zu spät kommen, oder?“
Fips’ Augen begannen zu leuchten. Meister Lampe wollte ihn in die Klasse der Osterhasenschüler aufnehmen. Er wäre sehr begabt, hatte der alte Hase gesagt und dass Fips wunderbar malen könne.
Fips machte einen freudigen Hopser.
„Fips!“, meinte Mama Hase mahnend.
Augenblicklich hielt der kleine Hase inne und schaute erst einmal nach links, dann nach rechts und dann noch einmal nach links.
„So ist es recht!“, lachte Mama Hase, „und nun … hopp hopp! Rüber mit dir, bevor doch noch ein Auto auftaucht.“
Ausgelassen hoppelte Fips über den Asphalt und sprang auf der anderen Seite mit einem Satz ins frische grüne Gras. „Mama, beeil dich! Ich möchte endlich in die Osterhasenschule!“
Fips malte für sein Leben gerne. Er liebte es, den Pinsel in die bunten Farben zu tauchen und damit Papier und Wände zu bemalen. Die Vorstellung, bald auch Ostereier bemalen zu dürfen, machte ihn ganz kribbelig.
„Na, da bist du ja endlich!“ Der alte Hase sah Fips tadelnd an. „Fünf Minuten zu spät! Wer einmal ein guter Osterhase sein will, muss pünktlich sein. “
Fips schaute schuldbewusst drein. „Ich habe …“
„Keine Ausreden, junger Mann! Nun setz dich dort hinten auf den leeren Platz. Der Unterricht beginnt in wenigen Minuten.“
Mit hängenden Ohren schlich Fips auf den angezeigten Platz. „Das fängt ja gut an!“, dachte er.
„Hallo, ich bin Hops. Willkommen in der Schule!“ Der kleine dicke Hasenjunge neben ihm reichte Fips die Pfote. „Und mach dir nichts draus. Meister Lampe ist anfangs immer sehr streng. Aber wenn du es drauf hast, ist er echt cool.“
Fips entspannte sich ein wenig. „Hallo. Ich bin Fips …“
„Haben die Herren in der letzten Reihe jetzt ausgeschwatzt?“ Über den Rand seiner kleinen Brille hinweg sah Meister Lampe Fips und Hops an. Die beiden Jungs zuckten erschreckt zusammen und nickten.
„Dann will ich mit dem Unterricht beginnen.“
Als der Schultag zu Ende war, hatten sie nicht ein einziges Mal gemalt oder gezeichnet. Fips war wahnsinnig enttäuscht. Stattdessen hatte Meister Lampe ihnen eine Formel an die Tafel geschrieben und erklärt, dass man mit ihr die benötigte Farbmenge ausrechnen könne. Er redete von Vorschriften, die man einhalten musste und von Mengenbegrenzungen bei der Ostereiervergabe. Fast nichts davon hatte Fips verstanden. „Und wann malen wir?“, fragte er seinen neuen Freund Hops, als sie sich gemeinsam auf den Heimweg machten.
„Malen?“ Hops lachte. „Ganz zum Schluss. Wenn …“ Er hob mahnend die Augenbrauen, „wenn du vorher alles richtig ausrechnen konntest.“
Tagelang quälte sich Fips also mit Zahlen und danach versuchte er, die vorgegebenen Muster ordentlich mit dem Lineal auf ein Blatt Papier zu zeichnen.
Und dann gab es da noch den Unterricht in Wegekunde. Da betrachteten alle Schüler Straßenpläne und suchten die kürzesten Wege zu einer Adresse, die Meister Lampe ihnen nannte.
Aber Fips übte sich auch im Lesen und Schreiben. Denn, so erklärte Meister Lampe, es gäbe viele Kinder, die würden dem Osterhasen einen Brief schreiben. Den müssten sie dann auch lesen können und ordentlich beantworten.
So hatte sich Fips die Osterhasenschule nicht vorgestellt. Jeden Abend schimpfte er, wenn Mama Hase ihn nach dem Unterricht fragte. Einzig sein neuer Freund Hops gefiel ihm dort. „In den Pausen spielen wir zusammen Fußball! Und manchmal malen wir auch mit einem Stock Bilder in den Sand. Der Hops kann genauso gut malen, wie ich Mama! Schade nur, dass der Sand keine Farben hat.“
Mama Hase wusste, dass Fips trotz aller Maulerei ein guter Schüler war. „Wirst sehen. Bald dürft ihr auch richtig malen“, meinte sie tröstend. „In wenigen Wochen werden die Menschen das Osterfest feiern. Da kann Meister Lampe bestimme jede Hilfe gebrauchen.“
Zwei Wochen später war es endlich soweit. Aufgeregt halfen die kleinen Osterhasenschüler, die vielen Tiegel mit den bunten Farben aus dem Schrank im Klassenzimmer zu räumen. Dicke und dünne Pinsel, kleine Walzen, Schablonen, Lappen und natürlich die Farbpaletten lagen bald auf der großen Wiese vor dem Schulhaus und alle kleinen Häschen hoppelten aufgeregt umher. Das muntere Durcheinander entlockte Frau Sonne ein helles Lachen und warm schickte sie ihre Strahlen hinunter.
Begeistert machte Fips sich an Werk. Tupfte hier, kleckste dort. Verwischte und mischte die Farben und hielt schließlich ein herrlich marmoriertes Ei in den Pfoten.
„Meister Lampe! Meister Lampe … guck mal!“ Stolz hielt er dem alten Hasen das kleine Kunstwerk hin.
Dieser konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Aber dann schüttelte er den Kopf. „Fips! Das mag ja ganz nett aussehen und wenn du magst, nimm es mit nach Hause und schenke es deiner Mama.“ Er holte tief Luft, während Fips ihn ungläubig ansah. „Die Eier, die wir hier bemalen, werden mit vorgegebenen Mustern und Farben angemalt. Hast du denn im Unterricht nicht zugehört? Schließlich sollen sie in den großen Geschäften der Menschen verkauft werden. Ein Ei wie das andere!“ Meister Lampe deutete auf die fertigen Eier von Hops. „Siehst du, Hops macht das richtig. Sechs pinseldicke Streifen in gleichmäßigem Abstand über jedes Ei – gelb, rot, grün, gelb rot, grün.“ Mit einem Nicken wandte er sich ab und schaute bei den anderen Hasenkindern nach dem Rechten.
„Hab ich dir doch gleich gesagt“, wisperte Hops. „Aber du meinst ja immer, du weißt alles besser.“
Fips gab ihm keine Antwort. Maulend saß er im Gras und bemalte ohne jede Freude ein neues Ei. Wenn ihm das doch nur einer vorher gesagt hätte. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, Osterhase zu werden.
Am Abend gab er sein wunderschönes Ei Mama Hase und erzählte, dass Meister Lampe es nicht hatte haben wollen.
„Weißt du, mein Kleiner“, sagte sie, „von Schönheit alleine wird niemand satt. Meister Lampe ist sehr stolz darauf, für die großen Lebensmittelmärkte produzieren zu dürfen. Damit verdient er sein Geld. Und schließlich müssen wir ja alle etwas arbeiten und können nicht nur das tun, was uns Spaß macht. Aber ich verrate dir mal ein Geheimnis …“ Mama Hase setzte sich dicht neben Fips. „Meister Lampe bemalt auch Eier für einen Künstlermarkt. Die sind wunderschön und bunt und ganz anders, als die, die ihr in der Schule macht. Er ist ein richtiger Künstler und führt den Pinsel so gekonnt, dass man nur staunen kann. Wenn ich also du wäre“, sie machte eine bedeutungsvolle Pause, „dann würde ich versuchen, auch beim Eierbemalen im Unterricht mein Bestes zu geben. Und wenn du die Schule dann irgendwann beendet hast und ein richtiger Osterhase bist, dann hast du ein ordentliches Handwerk gelernt. Und nebenbei kannst du wunderbare Eier malen und sie auf den Künstlermärkten rund um die Stadt verkaufen.“
Fips dachte kurz nach. Dann nickte er. „Ja Mama, du hast bestimmt recht.“ Er sprang von seinem Stuhl auf und schlang seine Vorderpfoten um ihren Hals. „Ich hab dich lieb, Mama! Und jetzt male ich ein schönes Bild für dich! Mit ganz vielen bunten Farben und Blumen und …“
Die letzten Worte verstand Mama Hase nicht mehr, denn da war Fips schon hinausgelaufen.
Mit einem Seufzer erhob sie sich ebenfalls. „Ich hab dich auch lieb, mein Kleiner!“, sagte sie leise. „Du wirst bestimmt einmal ein toller Osterhase!“
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Patricia KoelleDie Füße der Sterne
Antonia StahnMax und MäxchenKindergeschichten für große und kleine Leser